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Stirnradgetriebe: Grundlagen und Auslegung

Alexander Olenberger Alexander Olenberger | 5. März 2026 | 7 Min. Lesezeit |
Zuletzt geprüft: durch Alexander Olenberger

Einleitung

Stirnradgetriebe sind mit großem Abstand die am häufigsten eingesetzten Zahnradgetriebe in der Industrie. Ihre Einfachheit, Zuverlässigkeit und extrem hohe Effizienz machen sie zur ersten Wahl für die meisten Drehmoment-Übertragungsaufgaben. Im Gegensatz zu Schneckengetrieben (gering, komplex) oder Planetengetrieben (höhere Kosten) bieten Stirnradgetriebe eine hervorragende Balance zwischen Preis, Leistung und Wartungsfreundlichkeit.

Ein Stirnradgetriebe überträgt Drehmoment zwischen parallelen Wellen über evolventenverzahnte Zahnräder — mit Wirkungsgraden bis 99 % die effizienteste Standardgetriebebauform im Maschinenbau. Dieser Artikel erklärt die Grundlagen der Stirnradgeometrie, die Unterschiede zwischen Gerad- und Schrägverzahnung sowie die notwendigen Schritte zur korrekten Auslegung nach DIN 3990 und ISO 6336.

Funktionsprinzip: Evolventenverzahnung

Das Evolventen-Profil

Bei modernen Stirnradgetrieben ist das Zahnprofil eine Evolvente – eine spezielle mathematische Kurve, die entsteht, wenn man einen Faden von einem Kreis (dem Grundkreis) abwickelt. Die Evolvente hat die vorteilhafte Eigenschaft, dass zwei Evolventen-Zahnflankenprofaren unabhängig vom Achsabstand mit konstanter Übersetzung in Eingriff gehen. Dies ermöglicht große Toleranzen bei der Achsabstand-Fertigung, ohne dass die Getriebefunktion beeinträchtigt wird.

Kraft-Übertragung und Eingriff

Die Kraft wird übertragen, wenn die Zahnflanke des Antriebs-Rades gegen die Zahnflanke des getriebenen Rades drückt. Der Kontakt wandert während einer vollständigen Rotation entlang des Zahnes. Die Überdeckung (wie viele Zahnpaare gleichzeitig in Eingriff sind) ist ein kritischer Parameter für Geräusch und Tragfähigkeit.

Drehmoment und Leistung

Die Leistung, die ein Stirnradgetriebe übertragen kann, hängt ab von:

  • Zahnquerschnitt (Modul und Breite)
  • Werkstoffgüte und Oberflächenhärtung
  • Flächenpressung zwischen den Zahnflanken
  • Eingriffswinkel und Überdeckung
  • Drehzahl und Betriebsfaktor

Gerad- vs. Schrägverzahnung – Vergleichstabelle

Merkmal Geradverzahnung Schrägverzahnung
Zahnrichtung Parallel zur Achse Unter Winkel zur Achse (meist 15–25°)
Geräusch Höher (stoßartige Eingriffer) Niedriger (sanfter Eingriff)
Überdeckung Niedrig (~1,2–1,8) Höher (~2,0–3,0)
Tragfähigkeit Standard 20–30% höher bei gleicher Größe
Wirkungsgrad 95–98% 97–99% (minimal besser)
Herstellung Einfacher, günstiger Komplexer (Schrägschwerpunkt), teurer
Axialkraft Keine Ja (erfordert Axiallager)
Anwendung Kostensensitiv, niedrig-mittlere Drehzahl Hohe Drehzahl, Premium-Anwendungen

Praxis-Entscheidung: Wählen Sie Geradverzahnung für einfache, kostensensitive Anwendungen mit moderaten Drehzahlen. Schrägverzahnung ist sinnvoll, wenn Lärmminderung, höhere Tragfähigkeit oder Drehzahl >3000 U/min erforderlich sind.

Auslegungsparameter für Stirnradgetriebe

1. Modul (m)

Der Modul ist die Grundgröße zur Definition der Zahnradabmessungen. Er ist das Verhältnis des Teilkreisdurchmessers zur Zähnezahl:

m = d / z

Beispiel: Rad mit 40 Zähnen und m = 2 hat Durchmesser d = 40 × 2 = 80 mm

Standardmodule sind: 0,5; 0,75; 1; 1,25; 1,5; 2; 2,5; 3; 4; 5; 6; 8; 10; 12; 16 usw. Die Wahl des Moduls beeinflusst direkt die Baugröße und Tragfähigkeit.

2. Zähnezahl (z)

Die Zähnezahl bestimmt gemeinsam mit dem Modul die Größe des Rades. Minimale Zähnezahlen (Unterschnittsvermeidung) sind typisch: z_min = 17 für Geradverzahnung ohne Profilverschiebung. Mit Profilverschiebung sind auch z < 17 möglich.

3. Achsabstand (a)

Der Achsabstand ist die Entfernung zwischen den Mittelpunkten der Räder:

a = (z1 + z2) × m / 2

Der Achsabstand ist eine Designvorgabe und muss bei der Auslegung berücksichtigt werden.

4. Breite (b)

Die axiale Breite der Zahnräder beeinflusst die Tragfähigkeit direkt (linear). Eine Verdopplung der Breite verdoppelt die Drehmomentkapazität. Typischerweise wird b = (10–20) × m gewählt, abhängig von verfügbarem Bauraum und Tragfähigkeitsanforderungen.

5. Profilverschiebung (x)

Eine Profilverschiebung (Zahnradkorrektur) ist eine geometrische Änderung, um Unterschnitte bei kleinen Zähnezahlen zu vermeiden oder um Tragfähigkeit und Achsabstand zu optimieren. DIN 3990 und ISO 6336 enthalten Diagramme zur Bestimmung optimaler Profilverschiebungen.

6. Eingriffswinkel (α)

Der Eingriffswinkel ist der Winkel, unter dem die Zahnflankennormale die Eingriffslinie bildet. Standard ist α = 20°. Ein größerer Winkel (z. B. α = 25°) reduziert die Belastung der Zahnspitzen, erfordert aber größere Lagerlasten.

Werkstoffe und Wärmebehandlung

Typische Werkstoffe

Die Werkstoffwahl beeinflusst Tragfähigkeit, Gewicht, Kosten und Verschleißverhalten:

  • Grauguss (GG): Kostengünstig, gute Dämpfung, niedrige Tragfähigkeit, für niedrige Drehzahlen geeignet
  • Stahl 16MnCr5, 18CrNiMo7-6: Standard für hochbelastete Getriebe, mit Einsatzhärtung sehr hohe Tragfähigkeit. Für individuelle Anforderungen fertigt TEA Stirnräder nach Zeichnung — mit freier Modul- und Zähnezahl-Kombination.
  • Kunststoff (POM, PA): Leicht, leise, aber niedrige Temperaturbeständigkeit und Tragfähigkeit; für niedrige Leistung
  • Bronze/Kunststoff-Paarung: Häufig bei Schneckengetrieben, hohe Reibungsverluste, aber lange Lebensdauer

Wärmebehandlung

Die Oberflächenhärte der Zahnflanken ist entscheidend für Verschleiß und Pitting-Beständigkeit:

  • Durchgehärtet: Einfach, kostengünstig, Kernhärte und Oberflächenhärte im gleichen Bereich, typisch 48–55 HRC
  • Einsatzhärten (Aufkohlen und Härten): Oberflächenschicht durch Kohlenstoffanreicherung gehärtet (58–63 HRC), Kern bleibt zäher – beste Verschleißbeständigkeit, teurer
  • Nitrieren: Oberflächenhärtung durch Stickstoffdiffusion (>700 HV), geringerer Verzug als beim Einsatzhärten – ideal für maßhaltige Bauteile
  • Induktionshärtung: Zahnflanken lokal gehärtet, schneller und kostengünstiger als Einsatzhärten, aber weniger präzise

Normen: DIN 3990 & ISO 6336 – Tragfähigkeitsprüfung

Überblick

DIN 3990 und ISO 6336 sind die internationalen Standards zur Berechnung der Tragfähigkeit von Stirnradgetrieben. Sie definieren Methoden zur Prüfung auf zwei kritische Ausfallarten:

  • Zahnflankentragfähigkeit (Flächenpressung, Pitting): Der kritische Parameter ist die Hertzsche Flächenpressung zwischen den Zahnflanken. Die zulässige Pressung hängt ab von Werkstoff, Oberflächenhärte und Lebensdauer.
  • Zahnwurzeltragfähigkeit (Biegung): Der Zahnschwellbereich unter der Last. Kritisch ist die Biegespannung an der Zahnwurzel.

Vereinfachter Ablauf

1. Eingangsdaten: Drehmoment, Drehzahl, Übersetzung, Material, Lebensdauer (Betriebsstunden)

2. Erste Auslegung: Modul und Zähnezahl wählen

3. Tragfähigkeit berechnen nach DIN 3990 / ISO 6336

4. Sicherheitsfaktoren prüfen: SF_H (Flanke) ≥ 1,3, SF_F (Zahnwurzel) ≥ 1,4

5. Falls nicht erfüllt: Modul oder Breite erhöhen und neu rechnen

Wichtiger Hinweis: Die Berechnung nach DIN 3990 / ISO 6336 ist komplex und erfordert Spezialkenntnisse. Nutzen Sie Softwaretools (z. B. KISSsoft, CADKEY) oder lassen Sie die Auslegung von Spezialisten durchführen. Fehler können zu Überlastung und Getriebebruch führen.

Praxisbeispiel: Stirnradgetriebe auslegen

Aufgabe

Ein 7,5 kW Motor mit 1500 U/min soll ein Förderband mit Übersetzung i = 4:1 antreiben. Gesucht: Stirnradgetriebe mit Geradverzahnung.

Schritt 1: Eingangsdrehmoment berechnen

M_an = P × 9550 / n = 7,5 kW × 9550 / 1500 U/min = 47,8 Nm

Schritt 2: Zähnezahl wählen

Typsicherweise: z1 (Ritzel) = 20, z2 (Rad) = 80 (Übersetzung i = 80/20 = 4:1)

Schritt 3: Modul schätzen

Erste Schätzung: m = 2 mm (Standard für diese Leistung)

Schritt 4: Achsabstand und Durchmesser

d1 = z1 × m = 20 × 2 = 40 mm

d2 = z2 × m = 80 × 2 = 160 mm

a = (z1 + z2) × m / 2 = 100 × 2 / 2 = 100 mm

Schritt 5: Tragfähigkeit prüfen (vereinfacht)

Maßgeblich für die Lebensdauer ist die Flankenpressung (Hertzsche Pressung) σH im Zahnkontakt. Sie wird nach ISO 6336 / DIN 3990 aus der Umfangskraft am Teilkreis berechnet. Die Umfangskraft am Ritzel beträgt:

Ft = 2 · Man / d1 = 2 · 47,8 Nm / 0,040 m = 2390 N

σH0 = ZH · ZE · Zε · √( Ft/(d1·b) · (u+1)/u )

ZH = Zonenfaktor · ZE = Elastizitätsfaktor · Zε = Überdeckungsfaktor · u = z2/z1

Mit ZH ≈ 2,5 (Eingriffswinkel α = 20°), ZE = 190 √(N/mm²) für Stahl/Stahl, Zε ≈ 0,9, u = 80/20 = 4 und b = 40 mm ergibt sich die nominelle Flankenpressung:

σH0 = 2,5 · 190 · 0,9 · √( 2390/(40·40) · 5/4 ) ≈ 580 N/mm²

Der zulässige Wert für einsatzgehärteten 16MnCr5 liegt bei σH lim ≈ 1300–1500 N/mm². Selbst nach Aufschlag der Anwendungs- und Lastfaktoren (KA, Kv, K) bleibt die Flankenpressung deutlich darunter — die Grübchensicherheit SH = σH limH liegt über 1,5 und damit über dem üblichen Mindestwert (SH ≥ 1,0–1,3). Das Modul m = 2 mit b = 40 mm ist somit tragfähig; das Getriebe hat ca. 160 mm Raddurchmesser und 100 mm Achsabstand.

Die Zahnfußtragfähigkeit (σF nach ISO 6336-3) ist getrennt nachzuweisen. Die Z- und K-Faktoren sowie σH lim sind Richtwerte — verbindlich sind die Werte aus der Norm bzw. der Werkstoff- und Herstellerangabe.

Ergebnis

Ein kompaktes Stirnradgetriebe mit:

  • Ritzel: 20 Zähne, m = 2 mm, Durchmesser 40 mm
  • Rad: 80 Zähne, m = 2 mm, Durchmesser 160 mm
  • Breite: 40 mm
  • Achsabstand: 100 mm
  • Material: Stahl 16MnCr5, gehärtet 58–62 HRC
  • Ausgangsdrehmoment: 191 Nm (47,8 Nm × 4:1)

TEA-Empfehlung

Praxis-Tipp von TEA:

Der häufigste Auslegungsfehler, den wir in der Beratung sehen, ist die Rechnung mit dem Nenndrehmoment ohne Anwendungsfaktor: Bei stoßbehafteten Antrieben (Förderer, Pressen) liegt KA nach ISO 6336 schnell bei 1,5–1,75 — wird er vergessen, ist das Getriebe rechnerisch sicher und praktisch unterdimensioniert. Achten Sie bei Schrägverzahnung außerdem darauf, dass die durch den Schrägungswinkel entstehende Axialkraft im Lagerkonzept berücksichtigt ist (Schräg- oder Kegelrollenlager statt reiner Radiallager). Und geben Sie in der Anfrage immer die Qualitätsstufe nach DIN 3961/3962 mit an — ohne diese Angabe variieren Geräusch, Laufruhe und Preis erheblich, weil jeder Lieferant eine andere Toleranz unterstellt.

Stirnradgetriebe sind die arbeitspferde der Industrie und mit korrekter Auslegung, Schmierung und Wartung praktisch wartungsfrei über viele Jahre. Die Investition in eine gründliche Dimensionierung nach DIN 3990 / ISO 6336 zahlt sich durch lange Lebensdauer und niedrige Betriebskosten aus.

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Von der Auslegung zur Anfrage: Beschaffungs-Hinweise

  • Kostentreiber: Modul, Qualitätsstufe (DIN 3961) und Wärmebehandlung bestimmen den Preis maßgeblich — Einsatzhärten oder Nitrieren erhöht die Kosten gegenüber Durchhärten spürbar.
  • Standard vs. Sonderanfertigung: Katalog-Stirnräder mit Normmodulen (DIN 780) eignen sich für die meisten Standardanwendungen. Sondermodule oder abweichende Zähnezahl-Kombination erfordern eine Fertigung nach Zeichnung — sinnvoll bei Bauraum-Zwängen oder besonderen Werkstoffanforderungen.
  • Anfrage-Checkliste: Übersetzungsverhältnis, Eingangsdrehmoment und -drehzahl, Achsabstand (falls vorgegeben), geforderter Modul, Verzahnungsart (gerad/schrägverzahnt), Werkstoff und Härteanforderung, gewünschte Qualitätsstufe nach DIN 3961, Betriebsstunden/Lebensdauerziel.
  • TCO-Hinweis: Eine höhere Fertigungsqualität (engere Toleranz, feinerer Zahnflankenschliff) senkt Geräusch und Verschleiß — bei Dauerläufern rechnet sich die Mehrinvestition durch niedrigere Wartungskosten.
  • Weiterführend: Individuelle Stirnräder nach Zeichnung: Sonderverzahnung bei TEA — oder direkt Kontakt aufnehmen.

Häufig gestellte Fragen zu Stirnradgetrieben

Der Modul (m) ist die internationale Standardgröße für Zahnräder und beschreibt die Größe der Zähne: m = d/z (Teilkreisdurchmesser / Zähnezahl). Die Steigung (p) ist der Abstand zwischen benachbarten Zahnflanken auf dem Teilkreis: p = π × m. Ein Modul m=2 bedeutet größere Zähne als m=1. In Amerika wird statt Modul die „Pitch“ (Anzahl der Zähne pro Zoll) verwendet.

Tatsächlich ist es umgekehrt: Schrägverzahnung ist deutlich leiser als Geradverzahnung. Der Grund liegt darin, dass bei Schrägverzahnung mehrere Zahnpaare gleichzeitig in Eingriff sind (größere Überdeckung), was die Kräfte verteilt und Vibrationen reduziert. Geradverzahnung hat höhere Stoßbelastungen und erzeugt mehr Geräusche.

Hochwertige Stirnradgetriebe erreichen 95–99 % Wirkungsgrad pro Stufe. Typischerweise: Geradverzahnung 95–98 %, Schrägverzahnung 97–99 %. Der Wirkungsgrad hängt ab von Drehzahl, Schmierung, Fertigungsqualität und Lagerverschleiß. Mit optimalen Bedingungen sind auch >99 % möglich.

Der Achsabstand (Center Distance) ist die halbe Summe der Teilkreisdurchmesser: a = (d1 + d2) / 2 = (z1 + z2) × m / 2. Für ein Getriebe mit z1=20 Zähnen, z2=40 Zähnen und m=2: a = (20 + 40) × 2 / 2 = 60 mm.

Profilverschiebung (Zahnradkorrektur) ist eine geometrische Änderung der Zahnflanken zur Optimierung von Unterschnittsvermeidung, Achsabstand-Anpassung oder Tragfähigkeit. Sie wird bei Getrieben mit kleiner Zähnezahl nötig (z < 17 für Geradverzahnung), um Unterschnitte zu vermeiden und die Tragfähigkeit zu verbessern. DIN 3990 und ISO 6336 spezifizieren die zulässigen Werte.

Alexander Olenberger

Über den Autor

Alexander Olenberger

Senior Sales & Application Engineer · Technische Antriebselemente GmbH

Alexander Olenberger unterstützt bei der Auslegung und Dimensionierung von Stirnradgetrieben nach internationalen Standards. Mit praktischer Erfahrung in Tragfähigkeitsprüfungen (DIN 3990, ISO 6336) und Materialauswahl hilft er bei der optimalen Getriebeauswahl für Ihre Anwendung.

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